Ölpreisschock 2025: Kein Vergleich zur Stagflation der 1970er
Steigende Ölpreise durch US-Iran-Spannungen schüren Stagflationsängste – doch die wirtschaftlichen Grundlagen unterscheiden sich fundamental.

Die jüngsten Spannungen zwischen den USA und dem Iran haben den Ölpreis nach oben getrieben und Erinnerungen an die Stagflation der 1970er Jahre geweckt. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich in entscheidenden Punkten von jenen, die damals zu einer jahrelangen Kombination aus hoher Inflation und stagnierendem Wachstum geführt hatten.
Stagflation in ihrer klassischen Form erfordert drei gleichzeitig auftretende Bedingungen: eine verfestigte Inflation deutlich über dem Zielwert, eine schrumpfende Wirtschaftsleistung und einen handlungsunfähigen geldpolitischen Apparat. In den 1970er Jahren lag der US-Verbraucherpreisindex über weite Strecken des Jahrzehnts bei durchschnittlich über 7 Prozent – mit einem Spitzenwert von mehr als 13 Prozent im Jahr 1979. Diese Inflation war strukturell verankert, nicht ein vorübergehender Ausschlag.
Heute ist das Bild ein anderes. Die Inflation ist zwar gegenüber der Ära nach 2008 erhöht, hat aber ihren Höchststand von 2022 bereits hinter sich gelassen. Die Zentralbanken verfügen über eine Glaubwürdigkeit, die der US-Notenbank Federal Reserve unter Chairman Arthur Burns damals fehlte. Die Inflationserwartungen bleiben verankert – ein zentraler Unterschied, der weit mehr bedeutet als eine technische Fußnote.
Strukturelle Unterschiede beim Ölangebot
Auch auf der Angebotsseite hat sich die Welt grundlegend verändert. Die Ölschocks der 1970er Jahre resultierten aus gezielten OPEC-Embargos gegen westliche Volkswirtschaften – einem politisch motivierten Würgegriff auf einen Rohstoff, für den es kaum Alternativen gab. Heute sind die USA der weltweit größte Ölproduzent. Die Schieferöl-Revolution hat die Angebotsgleichung dauerhaft verändert.
Das reale Bruttoinlandsprodukt wächst weiterhin in solidem Tempo. Der Arbeitsmarkt schwächt sich zwar leicht ab, befindet sich aber nicht im freien Fall. Der Konsummotor – getragen von einem Verbraucher, der nach wie vor in Arbeit ist und Geld ausgibt – läuft. Ein Ölschock ist ein Gegenwind, aber kein Rezessionsauslöser bei fundamental solider Wirtschaftsbasis.
Die historische Marktreaktion auf geopolitische Schocks zeigt ein klares Muster: In den ersten drei Monaten nach einem Schock steigt Öl im Durchschnitt um rund 18 Prozent, Gold legt etwa 6 Prozent zu, Aktien folgen mit bescheidenem Plus von 4 Prozent. Nach sechs Monaten dreht sich das Bild: Gold steigt weiter auf durchschnittlich 19 Prozent, Aktien stagnieren, und Öl gibt den größten Teil seiner Gewinne wieder ab.
Rotation von Papier- zu Sachwerten
Die eigentlich aufschlussreiche Frage ist nicht, ob eine Stagflation droht – sie droht nicht –, sondern was der Ölpreisanstieg über die künftige Marktrichtung verrät. Denn im Hintergrund vollzieht sich eine bedeutsame Rotation: weg von digitalen Plattformen und Mega-Cap-Technologiewerten, hin zur physischen Infrastruktur, die die Realwirtschaft trägt.
Das nächste Jahrzehnt stellt enorme Anforderungen an Sachwerte. Der globale Ausbau der Künstlichen Intelligenz verschlingt Strom in einem Ausmaß, das Stromnetze in den USA, Europa und Asien an ihre Grenzen bringt. Die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie erfordert Kupfer in Mengen, die das bestehende Minenangebot kaum decken kann. Die Reindustrialisierung – getrieben durch Reshoring, Verteidigungsausgaben und Energiesicherheitspolitik – verlangt nach Stahl, kritischen Mineralien und Ingenieurskapazitäten.
Die Konsequenz für Anleger ist klar: Rohstoffe wie Kupfer, Gold, Uran und Energieinfrastruktur sind knapp, unterinvestiert und werden strukturell stärker nachgefragt. Wer sich defensiv gegen eine vermeintliche Stagflation positioniert, dürfte zum falschen Zeitpunkt in den falschen Werten übergewichtet sein. Die Long-Seite dieser Rotation lautet: Erbauer statt Konsumenten, physische Infrastruktur statt digitaler Plattformen, knappe Sachwerte statt überreichlicher Finanzwerte.
Der Zyklus der Unterinvestition bei Rohstoffen dauert seit fast fünfzehn Jahren an. Die Nachfragetreiber – KI-Stromverbrauch, Elektrifizierung, Reindustrialisierung – sind struktureller, nicht zyklischer Natur. Dies sind nicht die 1970er Jahre. Aber es könnte der Beginn eines vergleichbar bedeutsamen Regimewechsels sein.
