ICE lanciert Gold-Terminkontrakte in London und tritt gegen New York an
ICE hat in London den Handel mit Gold-Futures aufgenommen und fordert damit New York heraus. Die an die Londoner Auktionspreise gekoppelten Kontrakte erweitern das Instrumentarium für Rohstoff-Anleger.

Die Intercontinental Exchange (ICE) hat an ihrem Standort London den Terminhandel mit Gold aufgenommen. Der Betreiber der New Yorker Börse unternimmt damit den bislang jüngsten Vorstoß, um Derivatgeschäfte auf Edelmetalle im weltweiten Zentrum des physischen Barrenhandels zu verankern. In dieser Woche präsentierte das Unternehmen neue Kontrakte für Edelmetalle, die an die täglich in London ermittelten Auktionspreise gebunden sind. Neben Gold führte ICE auch Termingeschäfte auf Silber, Platin und Palladium ein.
London gilt als größter Umschlagplatz der Welt für physisches Gold. Täglich werden dort "Over-the-Counter"-Transaktionen im Umfang von nahezu 190 Mrd. US-Dollar abgewickelt, während in den Lagerstätten der Stadt Gold im Wert von rund 1,4 Billionen US-Dollar verwahrt wird. Die Londoner Referenzpreise werden von der Branche sowie von börsengehandelten Produkten (ETPs), die diese Metalle abbilden, in großem Umfang herangezogen.
Anders als New York bot London in den zurückliegenden Jahren jedoch keine Gold-Terminkontrakte an. Frühere Anläufe, einen solchen Markt zu etablieren, blieben ohne dauerhaften Erfolg: Die London Metal Exchange stellte ihren Gold-Futures-Vertrag 2022 nach fünf Jahren wegen ausbleibender Handelsvolumina ein, und der London Gold Futures Market scheiterte Mitte der 1980er Jahre an fehlender Akzeptanz.
Die Details
ICE erklärte, dass die Londoner Verträge auf den täglichen physischen Auktionen basieren, die das Unternehmen in der City durchführt, um die Preise für Gold, Silber, Platin und Palladium festzulegen. Die Laufzeiten der Kontrakte reichen von einem Tag bis zu sechs Monaten. Abgewickelt werden sie über die Londoner Niederlassung von ICE, die auch den Brent-Öl-Futures-Vertrag betreut.
Chris Rhodes, Präsident von ICE Futures Europe, begründet den Schritt: "Derivatemärkte dienen im Allgemeinen dazu, den physischen Markt zu unterstützen. Der physische Markt befindet sich in London. Wir glauben, dass es attraktiv sein könnte, wenn man Menschen ermöglicht, ihr Risiko auf andere Weise zu steuern – insbesondere, wenn dies an den Auktionspreis gekoppelt ist."
Der Konkurrenzdruck aus New York ist erheblich. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen bei Gold-Futures der CME Group, dem Rivalen von ICE, kletterte in den ersten sechs Monaten des Jahres auf rund 125 Mrd. US-Dollar. Der eigene Goldmarkt von ICE in den USA bleibt weit hinter der CME und einem schnell expandierenden Markt in Shanghai zurück.
Die Londoner Auktion hat in den vergangenen Jahren spürbar an Gewicht gewonnen. Seit ICE vor einem Jahrzehnt die Kontrolle über den Gold-Benchmark übernahm, hat die zentralisierte Auktion ihre Teilnehmerzahl von vier auf 20 erhöht. Große Handelshäuser wie Jane Street und DRW sind dem Verfahren beigetreten, ebenso Banken wie Goldman Sachs und Citigroup. Die durchschnittlichen Tagesvolumina in der Auktion sind seit 2015 um mehr als 30 Prozent auf über 424.000 Unzen gestiegen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 11.02.2026 vermeldete aktien.news, dass ICE eine Serie von Kryptowährungs-Futures-Kontrakten vorgestellt hat, die auf den Digital-Asset-Indizes von CoinDesk basieren und sich an institutionelle sowie professionelle Anleger richten. Die neuen Kontrakte sind bar ausgeglichen und auf US-Dollar denominiert. Dieser Schritt verdeutlicht den systematischen Ausbau des Derivateangebots des Konzerns.
Am 27.05.2026 berichtete aktien.news über Rekordwerte beim Open Interest in den globalen Erdgas- und Strommärkten von ICE. Das gesamte offene Interesse über alle Futures- und Optionsmärkte erreichte damals ein Allzeithoch von 130,5 Millionen Kontrakten. Am 22. Mai verzeichnete das offene Interesse im globalen Erdgasmarkt einen Rekordwert von 48 Millionen Kontrakten – ein Zuwachs von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Auch mit dem Thema Gold hatte sich aktien.news bereits auseinandergesetzt: Am 31.01.2026 veröffentlichte die Redaktion einen Beitrag über eine Warnung der FT-Herausgeberin Roula Khalaf an Privatanleger, die sich mit dem Leerverkauf von Gold befasste und die Gefahren komplexer Handelsstrategien in den Vordergrund rückte. Am 24.09.2026 wiederum behandelte ein Artikel die Frage, ob eine einzelne große Notierung – die des afrikanischen Mobilzahlungsunternehmens Airtel Money mit einem angestrebten Marktwert von 9 Mrd. US-Dollar – dem Londoner Aktienmarkt neue Bedeutung verleihen könnte. Roula Khalaf vertritt diese Einschätzung in ihrem wöchentlichen Newsletter.
Was das für Anleger bedeutet
Der Schritt von ICE erfolgt in einer Phase, in der der globale Goldmarkt durch mehrere Jahre geopolitischer Konflikte, Sanktionen und Zollrisiken unter anhaltendem Druck steht. Historisch verließ sich der Markt stark auf das Vereinigte Königreich für Lagerung und Preisfindung. Nach dem Handelsblitz von US-Präsident Donald Trump im April des vergangenen Jahres verlagerten Händler erhebliche Mengen Gold in die USA, um Zollrisiken zu umgehen, da die Futures-Preise in New York über den physischen Preisen in London lagen. Ein Terminmarkt, der parallel zum physischen Markt der britischen Hauptstadt operiert, könnte solche Preisdislokationen als Risiko reduzieren.
Für Anleger, die in Gold oder goldbesicherte Produkte investiert sind, ist das relevant, weil die Londoner Benchmarks laut Quelltext von börsengehandelten Produkten in großem Umfang genutzt werden. Ein zusätzlicher, an diese Auktionen gekoppelter Terminmarkt erweitert damit die Möglichkeiten zur Risikosteuerung rund um diese Referenzpreise.
Auch die Zentralbanken sind aktiv: Im vergangenen Monat verlegte die niederländische Zentralbank mehr als 78 Tonnen Gold von New York nach London und begründete dies mit "zunehmenden geopolitischen Unruhen", nachdem Lobbyisten und Politiker gewarnt hatten, dass eine unzuverlässige US-Regierung unter Trump diese Bestände andernfalls beschlagnahmen könnte. Hongkong und Singapur bauen ihre Kapazitäten zur Goldlagerung aus, während die Notenbanken Frankreichs und Indiens ihre Bestände aus aller Welt zurückholen. Venezuela steht kurz vor einer Einigung, um etwa 4 Mrd. US-Dollar an strittigen Vermögenswerten freizugeben – ein Betrag, der in der Diskussion um die 5.500 Unzen Gold, die in den Londoner Tresoren verwahrt werden, eine zentrale Rolle spielt.
