Verkaufschaos bei Thyssen-Krupp: Streit eskaliert
Finanzierungslücke, Unsicherheit und Gutachten belasten Zukunft der Stahlsparte.

Thyssen-Krupp steht derzeit vor erheblichen Herausforderungen beim Verkauf seiner Stahlsparte. Obwohl der Einstieg des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky mit einem Anteil von 20 Prozent zunächst als Erfolg gefeiert wurde, herrscht im Inneren des Konzerns ein anderes Bild. Der Verkaufsprozess der traditionsreichen Stahlsparte versinkt in Chaos, wie aus verschiedenen Quellen des Handelsblatts hervorgeht. Zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Miguel López und dem Stahlvorstand unter Bernhard Osburg eskaliert ein Streit, während eine Finanzierungslücke von zwei Milliarden Euro besteht. Ein neues Gutachten soll klären, ob die Sparte überhaupt sanierungswürdig ist.
Miguel López, der seit Juni 2023 an der Spitze des Konzerns steht, hatte die Aufgabe, den Abschied von der Stahlsparte zu vollziehen. Ein Teilverkauf an Kretinsky wurde als erster Schritt präsentiert, doch ob es zum zweiten Schritt, dem Erwerb der Hälfte der Gesellschaft, kommen wird, bleibt unsicher. Die Muttergesellschaft Thyssen-Krupp stellt den benötigten Finanzbedarf der Stahlsparte infrage und bietet lediglich 2,5 Milliarden Euro anstatt der von Insidern geschätzten knapp vier Milliarden Euro.
Im April wurde der Vorstand von Thyssen-Krupp Steel beauftragt, einen Businessplan zur Restrukturierung zu erarbeiten, der bisher jedoch nicht dem Aufsichtsrat vorgelegt wurde. Die Konzernführung lehnt die Kosten des Stahlvorstands ab und sieht die Möglichkeit, notwendige Investitionen aus dem laufenden Geschäft zu tätigen. Dies wird von der Stahlsparte in Duisburg als unrealistisch betrachtet. Die Höhe der Mitgift, die benötigt wird, um die Stahlsparte zukunftsfähig aufzustellen, bleibt ein strittiger Punkt.
Der Einstieg Kretinskys führt dazu, dass der Gewinn- und Beherrschungsvertrag zwischen Thyssen-Krupp und seiner Stahlsparte zum 30. September endet. Somit müsste die Sparte künftig für ihre Verluste selbst aufkommen. Dies hat zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen López und Osburg geführt, wobei Osburg einen Plan zur Sanierung vorgelegt hat, der die Zukunft des größten Hüttenbetreibers Deutschlands sichern könnte.
López plant, die Sanierungsfähigkeit der Stahltochter durch ein IDW-S6-Gutachten überprüfen zu lassen. Dieses Gutachten soll Klarheit über die notwendige Mitgift geben, die der Mutterkonzern seiner Stahlsparte zur Verfügung stellen muss. Trotz der Möglichkeit, die geforderten Mittel zu finanzieren, will López die Ausgaben möglichst gering halten und schlägt den Verkauf von Assets vor, was vom Stahlvorstand abgelehnt wird.
Der Zustand der Stahlwerke gibt ebenfalls Anlass zur Sorge. Wegen jahrelanger knapper Investitionen müssen einige Anlagen grundlegend erneuert werden. Die Bundesregierung und das Land Nordrhein-Westfalen haben Fördergelder von rund zwei Milliarden Euro freigegeben, jedoch unter der Bedingung, dass diese für die Transformation und den Wasserstoffhochlauf genutzt werden.
Zwischen den Vorständen herrscht zunehmend rauer Umgangston, da keine Einigung über die zukünftige Strategie erzielt werden kann. Der Vorstand der Konzernmutter fordert höhere Absatz- und Verkaufsziele sowie Änderungen bei den Sozialplankosten, die vom Stahlvorstand als unrealistisch angesehen werden. Die Lage bleibt angespannt, und die Zukunft der Stahlsparte ist weiterhin ungewiss.
