Rohölschock treibt Stagflationsangst: Märkte im Ausverkauf
Nahost-Krieg hält Ölpreis nahe 100 Dollar – Anleger fliehen in US-Dollar und preisen Zinssenkungen aus.

Der anhaltende Nahostkonflikt versetzt die globalen Finanzmärkte in Aufruhr. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn verschärfen sich der Anleihe- und Aktienausverkauf, während Händler verstärkt Stagflationsrisiken einpreisen. Die Hoffnung auf eine schnelle diplomatische Lösung schwindet – und mit ihr die Erwartung baldiger Zinssenkungen.
Der Ölpreis hält sich hartnäckig nahe der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel. Angesichts der ungebrochenen Konfrontation zwischen Iran, Israel und den USA wächst die Sorge vor einem langwierigen Konflikt mit dauerhaft hohen Energiepreisen. Anleger wechseln in den Risikoaversions-Modus und kaufen US-Dollar als sicheren Hafen.
Zinssenkungserwartungen kollabieren weltweit
Die Neubewertung an den Zinsmärkten ist dramatisch. Für die US-Notenbank Federal Reserve preisen Händler derzeit nicht einmal mehr eine einzige Zinssenkung für das laufende Jahr vollständig ein – verglichen mit zwei erwarteten Senkungen noch Ende Februar. Die Zinserwartungen haben sich damit innerhalb weniger Wochen fundamental verschoben.
Noch markanter ist die Kehrtwende bei der Europäischen Zentralbank. Geldmärkte preisten am Donnerstag eine vollständige Zinserhöhung bis Juli ein sowie eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine zweite Anhebung bis Dezember. Im Februar hatten Händler noch eine Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent für eine Zinssenkung vor Jahresende gesehen.
Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen erreichten ihren höchsten Stand seit fast zweieinhalb Jahren. Zweijährige US-Staatsanleihen markierten ein Sechsmonatshoch. Der US-Dollar legte gegenüber sechs wichtigen Währungen um mehr als 2 Prozent zu und bleibt der einzige sichere Hafen, der sich seit Kriegsbeginn behaupten konnte.
Kurze Erholung nach US-Sanktionsausnahme
Eine kurzfristige Entlastung kam aus Washington: Die USA erließen eine 30-tägige Ausnahmeregelung, die es Ländern erlaubt, sanktioniertes russisches Öl und Erdölprodukte zu kaufen, die derzeit auf See festsitzen. Finanzminister Scott Bessent bezeichnete den Schritt als Maßnahme zur Stabilisierung der globalen Energiemärkte.
Die Reaktion der Märkte fiel jedoch verhalten aus. Ölpreise gaben nach, asiatische Aktienmärkte erholten sich leicht, doch die Grundstimmung bleibt trüb. US-amerikanische und europäische Aktien-Futures deuteten auf eine etwas festere Eröffnung hin – ob diese Dynamik nachhaltig ist, bleibt fraglich.
In der kommenden Woche richten sich die Blicke der Anleger auf eine Reihe von Zentralbanksitzungen. Notenbanker erhalten dort die Gelegenheit, ihre Einschätzungen zu Inflation, Zinsen und Wachstum zu präsentieren – und damit möglicherweise neue Orientierung in einem zunehmend unruhigen Marktumfeld zu geben.
