Gasnotierungen legen zu: Kälteprognosen stützen die europäischen Energiebörsen
Die europäischen Erdgaspreise zogen leicht an, nachdem korrigierte Wetterprognosen kühlere Temperaturen für Nordwesteuropa erwarten lassen. Gestützt wird das Niveau zudem von geopolitischen Risiken und angehobenen Analystenzielen für den TTF-Kontrakt.

Die Großhandelspreise für Erdgas in Europa und Großbritannien verharrten am Mittwoch in einer ruhigen Seitwärtsbewegung mit leicht positiver Tendenz. Frische Wetterdaten, die für Nordwesteuropa niedrigere Temperaturen signalisieren, wirkten den kontinuierlichen Zuwächsen bei den europäischen Gasspeicherreserven entgegen. Der richtungsweisende niederländische Front-Month-Kontrakt verteuerte sich um 1,5 Prozent auf 76,80 Euro je Megawattstunde (MWh) und hielt sich damit in der Nähe seiner Mehrwochenhochstände. In Großbritannien legte der vergleichbare Großhandels-Gastermin um 0,5 Prozent auf 189,03 Pence pro Therm zu.
Die Kursbewegungen an den europäischen Energiehandelsplätzen blieben moderat, aber mit fester Tendenz. Die Handelsabteilungen der Institute verarbeiteten nach unten revidierte Temperaturaussichten für den beginnenden Winter. Die Wettermodelle für Nordwesteuropa wurden für die nächsten Wochen abgesenkt, was auf einen früher als bislang angenommen einsetzenden Heizbedarf in den bedeutenden Industrie- und Wohnregionen schließen lässt. Die Aussicht auf eine zeitige Herbstkälte löste moderate Absicherungsgeschäfte für die Heizperiode aus und drehte die leichten Abschläge, die zu Wochenbeginn noch zu beobachten waren.
Speicherfüllstände unter dem Vorjahresniveau
Dieser wettergetriebene Kaufimpuls setzt sich trotz des stetigen Befüllungsprozesses der EU-Gasspeicher fort, die aktuell zu 73 Prozent gefüllt sind. Zwar sind die Vorräte in den zurückliegenden Wochen kontinuierlich gestiegen, doch bleiben sie deutlich hinter den Werten des entsprechenden Vorjahreszeitraums zurück. Diese Differenz macht den Markt anfällig für abrupte Nachfrageausschläge, da die Reserven für unvorhergesehene Kälteperioden geringer ausfallen als in früheren Wintern.
Über die kurzfristigen Wettereinflüsse hinaus weisen die Handelsabteilungen darauf hin, dass die europäischen Gas-Terminkurven weiterhin von breiteren strukturellen und geopolitischen Faktoren gestützt werden. Fortbestehende Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Schifffahrtswege im Persischen Golf sowie anhaltende Drohnenattacken auf die regionale Energieinfrastruktur sorgen dafür, dass Risikoaufschläge für kriegerische Auseinandersetzungen in die seegestützten Flüssigerdgas-Lieferungen (LNG) eingepreist bleiben. Diese Risikoprämien erhöhen die Transportkosten und wirken sich auf die europäischen Importpreise aus.
UBS korrigiert TTF-Preisziel nach oben
Auch die Analysteneinschätzungen untermauern das erhöhte Preisniveau. Großbanken wie die UBS haben ihre Bewertungen für den niederländischen TTF-Kontrakt im vierten Quartal zuletzt auf 75 Euro pro MWh nach oben revidiert. Zur Begründung führen die Analysten die zögerliche Erholung des LNG-Angebots sowie den strukturellen Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen an. Beide Faktoren verknappen das Angebot und verstärken die Abhängigkeit Europas von teureren Flüssiggas-Importen.
Für die deutsche Industrie und die privaten Haushalte haben die Entwicklungen an den Gasterminmärkten erhebliche Relevanz. Die Bundesrepublik zählt zu den größten Erdgasverbrauchern in Europa und ist seit dem Ausbleiben der russischen Pipeline-Lieferungen in besonderem Maße auf LNG-Importe angewiesen. Steigende Notierungen im Großhandel können mit zeitlicher Verzögerung auf die Verbrauchertarife durchschlagen und die Energiekosten der produzierenden Unternehmen erhöhen.
Die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer richtet sich nun auf die weitere Wetterentwicklung. Sollte die vorhergesagte Kälte tatsächlich frühzeitig eintreten, dürfte die Heiznachfrage merklich anziehen. Analysten rechnen damit, dass jede länger anhaltende Kältewelle erneut Aufwärtsbewegungen an den europäischen Gasmärkten auslösen wird. Angesichts der vergleichsweise niedrigen Speicherbestände und der unverminderten geopolitischen Spannungen bleibt der Markt damit anfällig für kurzfristige Preisschwankungen.
