Nahost-Eskalation treibt Rohölpreise: Brent über 95 Dollar je Fass
Die Eskalation zwischen USA und Iran treibt die Ölpreise auf über 90 Dollar je Barrel und belastet die globalen Aktienmärkte. Zusätzlich sorgen Chinas G20-Verweigerung, der drohende VW-Ausschluss aus dem Euro Stoxx 50 und der Handelskonflikt zwischen Kana

Die Verschärfung der militärischen Konfrontation zwischen Washington und Teheran hat die internationalen Finanzmärkte in Aufruhr versetzt. Am Mittwoch verzeichneten die asiatischen Börsen sowie die Terminkontrakte aus den USA und Europa Verluste, nachdem der Dow Jones Industrial Average bereits am Vortag mehr als 400 Zähler eingebüßt hatte.
Bei zehnjährigen US-Staatsanleihen kletterten die Renditen auf Werte, die seit Januar 2025 nicht mehr beobachtet wurden. Auch in Japan und der Bundesrepublik erreichten die Renditen langjährige Rekordmarken. Zeitgleich setzt der Ölpreis seinen Höhenflug fort: West Texas Intermediate (WTI) kostet wieder mehr als 90 Dollar je Barrel, während die Nordseesorte Brent die Marke von 95 Dollar je Barrel überschreitet.
Ursache der Marktverwerfungen ist die erneute Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran. Das amerikanische Militär hat frische Angriffe gegen den Iran geflogen und dabei Luftverteidigungsanlagen sowie Radarsysteme ins Visier genommen. Als Antwort beschoss Teheran US-Militäreinrichtungen in der gesamten Golfregion.
Trump reklamiert Dominanz über die Straße von Hormus
US-Präsident Donald Trump meldete sich über die sozialen Netzwerke zur Lage zu Wort. Er betonte, er wolle den Iran „nicht an den Verhandlungstisch zwingen“, stellte jedoch klar, dass die USA „nahezu die vollständige Kontrolle“ über die strategisch bedeutsame Straße von Hormus ausübten. Zudem erklärte Trump, die iranische Wirtschaft sei kollabiert.
Die Straße von Hormus zählt zu den zentralen Seewegen für den weltweiten Öltransport. Sollte es in diesem Gebiet zu einer Sperrung oder Kampfhandlungen kommen, wäre die Ölversorgung erheblich gefährdet – ein Umstand, der die gegenwärtigen Preissteigerungen nachvollziehbar macht.
Das Weiße Haus hat derweil weitreichende Ölvereinbarungen mit Venezuela angekündigt. Fachleute rechnen jedoch damit, dass die Förderung des südamerikanischen Landes erst in Jahren tatsächlich ausgeweitet werden kann. Für eine kurzfristige Beruhigung des Ölmarktes dürfte dieser Schritt daher kaum sorgen.
Peking verweigert Unterschrift unter G20-Dokument
Auch auf diplomatischer Ebene brodelt es. China hat sich geweigert, die G20-Abschlusserklärung zu unterzeichnen, die zum Ende des Gipfels in Asheville im US-Bundesstaat North Carolina verabschiedet werden sollte. Die Regierung in Peking lehnte Passagen ab, die „Wirtschaften außerhalb des Marktes“ kritisierten und von einem „unablässigen Strom preiswerter Exporte“ sprachen.
US-Finanzminister Scott Bessent erläuterte den Vorgang bei einer Pressekonferenz. Die übrigen G20-Mitglieder würden versuchen, „eine Lösung für dieses nicht nachhaltige Gleichgewicht“ zu finden, so Bessent. Die Haltung Chinas offenbart die tiefgreifenden wirtschaftspolitischen Differenzen zwischen der Volksrepublik und den westlichen Industrienationen.
VW droht der Rauswurf aus dem Euro Stoxx 50
Im Unternehmenssektor steht dem deutschen Automobilbau eine einschneidende Veränderung bevor: Der Volkswagen-Konzern könnte Ende dieses Monats aus dem Euro Stoxx 50 ausscheiden. Als Nachrücker wird Nokia gehandelt, der finnische Telekommunikationsanbieter, der zuletzt eine bemerkenswerte Kurserholung vorweisen konnte.
Die Papiere des finnischen Unternehmens erreichten im Juni ein 18-Jahres-Hoch, nachdem sie sich im Jahresverlauf verdoppelt hatten. Volkswagen-Aktien hingegen verloren seit Jahresbeginn nahezu 30 Prozent. Als Gründe gelten die starke Konkurrenz aus China sowie die umfangreiche Umstrukturierung des Konzerns.
Kanada übt scharfe Kritik an US-Regierung
Der kanadische Premierminister Mark Carney hat die Administration von Donald Trump deutlich attackiert. Anlass ist der sich ausweitende Handelskrieg zwischen den beiden Nachbarstaaten. Carney warf der Trump-Regierung vor, „Memes zu posten“ und „indirekte Angriffe“ gegen Kanada zu führen.
Die Kritik war die Reaktion auf Social-Media-Beiträge und Kommentare von Trump-Mitarbeitern, die sich über die kanadische Armee lustig machten. Zudem hatte Präsident Trump per Executive Order angeordnet, den Ontario-See für die Nutzung durch die Bundesregierung in „Lake America“ umzubenennen.
„Wenn die Amerikaner aufhören, Memes zu posten, aufhören, indirekte Angriffe zu starten, aufhören, so tun zu wollen, als wären sie hart, und anfangen, diese Diskussionen ernsthaft zu führen, können wir diese Diskussionen über Handel führen“, sagte Carney in Ottawa. Er ergänzte: „Aber sehen Sie, das ist nicht konstruktiv, aber das ist ihre Demokratie.“
Ausblick: Anhaltend hohe Schwankungsintensität
Den aktuellen Anzeichen zufolge dürfte die Verunsicherung an den Finanzmärkten vorerst nicht abklingen. Das Zusammenspiel aus geopolitischen Risiken, kräftig steigenden Ölnotierungen und handelspolitischen Reibereien zwischen mehreren großen Volkswirtschaften lastet auf der Anlegerstimmung.
Für Rohstoff-Investoren bleibt die Entwicklung der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran von zentraler Bedeutung. Falls die militärischen Auseinandersetzungen weiter eskalieren, dürften die Ölpreise zusätzlich anziehen und die Aktienmärkte belastet bleiben. Auch die Reaktion Chinas auf die Vorwürfe der G20-Partner wird die Märkte in den kommenden Wochen beschäftigen.
