Lebensmittelverschwendung: Warum Frankreichs Zwangsmodell Deutschland überholt
Frankreich hat die Lebensmittelverschwendung durch gesetzliche Pflichten und Steueranreize für den Handel drastisch gesenkt, während Deutschlands freiwilliger Ansatz kaum Fortschritte bringt – für Anleger ergeben sich Chancen bei Unternehmen mit nachhalti

In einem Saarbrücker Vorort begleitet ein Team des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus die städtische Müllabfuhr. Die Bioabfallbehälter sind prall gefüllt. Bei stichprobenartigen Überprüfungen entdecken die Entsorgungsmitarbeiter neben Speiseresten und Schalenabfällen auch unangetastete Brote. Dies ist ein deutliches Indiz einer Überflussgesellschaft.
Seit 2019 fallen in Deutschland jährlich rund elf Millionen Tonnen Nahrungsmittelabfälle an. Knapp 6,3 Millionen Tonnen stammen aus privaten Haushalten – das entspricht 58 Prozent des Gesamtaufkommens. Die Gastronomie ist für 16 Prozent verantwortlich, die verarbeitende Industrie für 17 Prozent, der Einzelhandel für sieben Prozent und die Landwirtschaft für zwei Prozent.
Freiwillige Reduktion zeigt kaum Erfolge
Bereits die Vorgängerregierung unter Kanzlerin Angela Merkel hatte 2019 Maßnahmen zur Abfallverringerung eingeleitet. Die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner stellte eine nationale Strategie zur Vermeidung von Müll vor. Das erklärte Ziel: die Abfallmenge bis 2030 zu halbieren – basierend auf freiwilligen Zusagen. Nennenswerte Fortschritte blieben bislang aus.
Der Bundesverband der deutschen Lebensmittelindustrie verweist in seinem Bereich auf erste Erfolge. Manon Struck-Pacyna, Sprecherin des Verbandes, erklärte, die Verluste bei den beteiligten Handelsketten sowie im Groß- und Einzelhandel seien um 25 Prozent gesenkt worden. Das klingt beachtlich. Allerdings verursacht der Handel insgesamt nur sieben Prozent der gesamten Lebensmittelabfälle. Ein Viertel davon entspricht bezogen auf die Gesamtmenge weniger als zwei Prozent.
Frankreich setzt auf Verpflichtung und steuerliche Anreize
Unsere Nachbarn in Frankreich beschreiten einen anderen Pfad. Dort sind Händler seit Jahren gesetzlich verpflichtet, überschüssige Nahrungsmittel zu spenden. Die Organisation "Banque Alimentaire" sammelt diese Waren ein und verteilt sie an Bedürftige im gesamten Land. Sie ähnelt der deutschen Tafel, versteht sich jedoch stärker als Bestandteil eines staatlichen Sozialprogramms.
Im Département Bas-Rhin nahe Straßburg werden 68.000 Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt, die andernfalls im Müll landen würden. In ganz Frankreich profitieren 2,4 Millionen Bedürftige von diesem System. Täglich fahren ehrenamtliche Helfer zu Großhändlern, Supermärkten und Bäckereien, um überschüssige Waren abzuholen. Die Produkte werden zentral sortiert und später von Hilfsorganisationen wie dem französischen Roten Kreuz oder der Caritas verteilt.
Dieses Konzept wird in Frankreich seit einem Jahrzehnt praktiziert. Der Handel hat sich daran gewöhnt – und profitiert finanziell. Jean Serrats, Präsident der regionalen Einrichtung in Straßburg, betont, dass Geschäfte für jede Spende an die Banque Alimentaire einen Steuernachlass von 60 Prozent auf den Warenwert erhalten. Es sei für Unternehmen also lukrativ, Lebensmittel nicht zu entsorgen, sondern zu spenden.
Gesetzliche Regelungen zeigen Wirkung
Das entsprechende Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung wurde 2016 erlassen. Damals betrug die Pro-Kopf-Abfallmenge in Frankreich noch 108 Kilo, heute liegt sie bei lediglich 58 Kilo. In Deutschland stagnieren die Lebensmittelabfälle seit Jahren bei 75 Kilo pro Kopf – ein deutlich höherer Wert als beim Nachbarn.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilt mit, man wolle weiterhin nicht auf Zwang setzen und bei freiwilligen Lebensmittelspenden bleiben. Die Zusammenarbeit mit den Tafeln sei gut, über die pro Jahr rund 1,5 Millionen Menschen regelmäßig versorgt werden.
Herausforderung private Haushalte
Da der überwiegende Anteil des Mülls in deutschen Privathaushalten anfällt, stellt sich die Frage nach den Gründen. Nina Langen, Lebensmittelwissenschaftlerin aus Berlin, sieht eine Ursache in den Verpackungsgrößen. 50 Prozent dessen, was Verbraucher wegwerfen, seien Obst und Gemüse. In Supermärkten werde dies oft nicht lose, sondern nur im Gebinde verkauft. Eine einzelne Zwiebel, eine kleine Menge Kartoffeln oder eine einzelne Banane seien in Discountern häufig nicht erhältlich. Auch bei Fleisch und Käse gebe es oft nur Großpackungen. Die Folge sei mehr Abfall, weil zu viel übrig bleibe und verderbe, so Langen.
Langen hat das Projekt "Miss Mitmit" gestartet, bei dem Konsumenten ihre Abfälle wiegen und in einem Tagebuch erfassen. Bei den Teilnehmenden funktionierte dies gut, aber die Rücklaufquote war gering: Nur 250 vollständig ausgefüllte Datensätze gingen ein. Besser lief es über eine App mit Push-Benachrichtigungen, von denen die Hälfte geöffnet wurde. Um einen spürbaren Effekt zu erzielen, müsse man die Menschen immer wieder aktivieren, fasst die Forscherin zusammen.
Fazit: Freiwilligkeit allein reicht nicht
Der deutsche Ansatz, der ausschließlich auf Freiwilligkeit beruht, hat die Lebensmittelabfälle bislang kaum verringert. Das französische Modell belegt dagegen, dass mit verbindlichen Vorgaben und einer Einbindung des Handels eine echte Reduzierung möglich ist. Für Rohstoff-Anleger interessant: Unternehmen, die auf nachhaltige Verpackungslösungen und effizientere Lieferketten setzen, könnten von einem möglichen politischen Kurswechsel in Deutschland profitieren.
