Goldpreis steigt trotz sinkender Inflation
Chinesische Nachfrage und globale Zentralbankkäufe beeinflussen den Markt maßgeblich

In Deutschland besitzen Privathaushalte mehr als 9000 Tonnen Gold, wie eine Studie der Steinbeis-Hochschule Berlin im Auftrag der Reisebank ergab. Der wichtigste Grund für ein Investment deutscher Anleger in das Edelmetall ist der Schutz vor Inflation. Fast 40 Prozent der rund 2000 Befragten gaben dies als Hauptmotiv an. Gold wird weltweit als Zahlungsmittel anerkannt und kann im Gegensatz zu Währungen wie Euro oder Dollar nicht beliebig vermehrt werden, da Goldvorkommen begrenzt sind und jährlich nur in geringem Umfang zunehmen.
Trotz einer tendenziell rückläufigen Inflationsrate in Deutschland und im Europäischen Währungsraum stieg der Goldpreis in den letzten Monaten deutlich an. Besonders im März und April verzeichnete der Goldpreis 15 neue Allzeithochs und erreichte im Mai erneut einen Rekordwert von rund 2450 US-Dollar pro Unze. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, warum der Goldpreis steigt, obwohl die Inflation sinkt.
Ein zentraler Punkt ist die Tatsache, dass die Entwicklung des Goldpreises und die Inflation sowohl kurz- als auch mittelfristig nicht positiv korrelieren. Die deutsche Inflation ist für den in US-Dollar gehandelten Goldpreis von geringer Bedeutung. Wichtiger ist die US-Inflationsrate, die im April bei 3,5 Prozent lag, weit entfernt von den 9,1 Prozent im Juni 2022. Eine Zinssenkung der US-Notenbank ist bei dieser Teuerungsrate nicht absehbar, was den Goldpreis beeinflusst. Hohe Zinsen belasten den Goldpreis, da Gold im Gegensatz zu anderen sicheren Anlagen wie Staatsanleihen keine laufenden Erträge abwirft.
Ein weiterer Faktor, der den Goldpreis beeinflusst, ist die Nachfrage aus China. Während in Deutschland die Nachfrage nach Goldbarren und -münzen im ersten Quartal um 48 Prozent zurückging, stieg die Nachfrage in China um 68 Prozent. Der kriselnde Immobilienmarkt und schwächelnde Aktien in China machen Gold zu einer attraktiven Investmentalternative. Auch die chinesische Zentralbank erhöhte ihre Goldreserven im ersten Quartal um 27 Tonnen.
Neben China kaufen auch andere Notenbanken weltweit große Mengen Gold. 2022 und 2023 erreichten die Goldkäufe der Zentralbanken neue Rekordniveaus, und auch im ersten Quartal dieses Jahres setzte sich der Trend fort. Die Over-the-Counter-Nachfrage, insbesondere aus Südostasien und der Türkei, stieg ebenfalls.
Langfristig hat die Inflation dennoch eine unterstützende Wirkung auf den Goldpreis. Verschiedene Studien zeigen, dass sich der Goldpreis und die Inflation nicht immer in die gleiche Richtung entwickeln, jedoch gleicht die Goldpreisentwicklung langfristig die Inflation aus und übertrifft sie sogar. In Ländern mit hoher Inflationsrate, wie der Türkei, investieren die Verbraucher verstärkt in Gold, um ihre Ersparnisse zu schützen. Im ersten Quartal kauften türkische Verbraucher 44 Tonnen Gold, deutlich mehr als der Fünfjahresschnitt von 24 Tonnen.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass der Goldpreis zunehmend von der Nachfrage aus Schwellenländern getrieben wird. Die langfristige Rolle von Gold als Inflationsschutz bleibt jedoch bestehen, auch wenn kurzfristige und mittelfristige Schwankungen anders interpretiert werden können.
