EU plant Aktionsplan zur Elektrifizierung industrieller Prozesswärme
Europäische Entscheidungsträger wollen Industrien mit neuem Fahrplan von teuren Gasimporten befreien.

Die europäische Industrie steht vor einer Richtungsentscheidung: Chemiewerke, Stahlwerke und Lebensmittelverarbeiter sind existenziell auf industrielle Prozesswärme angewiesen – und die kostet seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ein Vielfaches des früheren Preises. Die Industrie macht rund ein Viertel des gesamten Energieverbrauchs in Europa aus, Wärmeanwendungen allein beanspruchen dabei etwa die Hälfte des industriellen Energiebedarfs, wie Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) belegen.
Besonders Deutschland leidet unter den Folgen. Die Produktion von Chemikalien, Kunststoffen und Düngemitteln ist in Europas größter Volkswirtschaft auf historische Tiefststände gefallen. Hohe Energiekosten und ein unklarer politischer Fahrplan bremsen die industrielle Aktivität und belasten das Wirtschaftswachstum. Steigende Arbeitsplatzverluste und sinkende Steuereinnahmen schwächen zusätzlich die öffentlichen Haushalte.
Die EU-Gesetzgeber stehen deshalb unter erheblichem Druck, einen wirksamen Aktionsplan zu entwickeln. Noch in diesem Frühjahr sollen neue Maßnahmen vorgestellt werden, die auf eine rasche Skalierung elektrischer Wärmetechnologien abzielen – mit dem Ziel, den Industriebedarf ohne fossile Brennstoffe zu decken. Europas kollektive Importrechnung für fossile Brennstoffe beläuft sich derzeit auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Elektrowärmepumpen als Schlüsseltechnologie
Im Vorfeld des mit Spannung erwarteten EU-Aktionsplans zur Elektrifizierung 2026 bringen sich mehrere große europäische Think Tanks mit konkreten Vorschlägen ein. Ein unter Mitwirkung des Fraunhofer-Instituts erstelltes Maßnahmenpaket konzentriert sich auf das Potenzial elektrischer Prozesswärme im Nieder- und Mitteltemperaturbereich.
Ein zentrales Ergebnis: Bereits heute verfügbare elektrische Wärmepumpen könnten die Betriebskosten im Lebensmittel- und Getränkesektor um 20 Prozent gegenüber gasbefeuerten Systemen senken – selbst wenn Strompreise bis zu dreimal höher bleiben als regionale Gaskosten. Der entscheidende Vorteil liegt im höheren Wirkungsgrad elektrischer Pumpen. Damit können Unternehmen Lebensmittel effizienter kochen, pasteurisieren, sterilisieren und trocknen. Auch Papier- und Chemieindustrie könnten laut dem Bericht einen Großteil ihrer gasbasierten Kernprozesse auf Hochleistungs-Elektrowärmepumpen umstellen.
Steuerreformen und Finanzierung als Voraussetzung
Die Experten fordern begleitende politische Maßnahmen, um die notwendigen Investitionsanreize zu schaffen. Die wichtigsten Empfehlungen umfassen:
- Senkung von Steuern und Abgaben auf den Stromverbrauch
- Anhebung der Steuern auf Gas durch konsequente Erhöhung der CO₂-Preise
- Günstigere Abschreibungsfristen für neue elektrische Anlagen
- Schnellere Genehmigungsverfahren für saubere Stromerzeugung
- Zügigere Netzintegration neuer Stromnachfragequellen
- Verstärkte öffentlich-private Finanzierungsoptionen
Die Umsetzung dieser Ziele über mehrere EU-Mitgliedstaaten hinweg gilt als eine der größten Herausforderungen für die europäische Politik. Ein Scheitern könnte laut Experten zum Zusammenbruch ganzer Industriezweige und zu einem dauerhaften wirtschaftlichen Schock für die gesamte Region führen. Der bisherige Flickenteppich aus Halbmaßnahmen wird von führenden Entscheidungsträgern als nicht länger akzeptabel eingestuft.
