286 Dollar pro Barrel: Teuerste Öllieferung der Geschichte?
Ein Barrel Rohöl für 286 Dollar – geliefert nach Sri Lanka. HSBC-Chef Elhedery enthüllt extreme Preise auf dem physischen Ölmarkt.

Der Schlagzeilen-Ölpreis und der tatsächliche Preis für physisch geliefertes Öl klaffen derzeit dramatisch auseinander. Während Brent-Futures für den August-Kontrakt unter 90 Dollar pro Barrel notieren, zahlen Käufer, die Öl sofort benötigen, ein Vielfaches davon. HSBC-CEO Georges Elhedery hat auf dem Global Investment Summit der HSBC in Hongkong einen Extremfall öffentlich gemacht.
Elhedery berichtete, dass ein Barrel Öl, das Sri Lanka erreichte, 286 Dollar kostete – ein Preis, der selbst erfahrene Marktbeobachter aufhorchen lässt. Dabei handelt es sich laut Elhedery um den Preis „frei Haus" (door-to-door), der erhöhte Fracht- und Versicherungskosten einschließt. Ob es sich dabei um Rohöl, Diesel oder Kerosin handelte, blieb zunächst unklar.
Das vollständige Transkript, das von Luke Kawa von Sherwood eingesehen wurde, liefert jedoch wichtigen Kontext. Elhedery erklärte: „Was mich beunruhigt, sind nicht die Schlagzeilen. Realistisch betrachtet zahlen Sie jetzt vielleicht 140, 150 Dollar, wenn Sie versuchen, Öl aus dem Nahen Osten zu beziehen." Hinzu kämen mehr als 30 bis 40 Dollar für den Transport aus dem Roten Meer sowie Versicherungskosten, die von früher 25 Basispunkten auf nun rund 5 Prozent gestiegen sind – und das ohne Kriegsversicherungskomponente.
Physischer Ölmarkt unter extremem Druck
Die Zahlen verdeutlichen, wie stark der physische Energiemarkt derzeit unter Stress steht. Besonders betroffen ist Asien: Die Region bezieht laut JPMorgan-Analysten rund 80 Prozent ihres Öls aus der Golfregion und ist damit besonders anfällig für Lieferengpässe und Preisaufschläge.
JPMorgan beschreibt in einer Mitteilung vom Sonntagabend einen Markt, dem ein Angebot von 13 Millionen Barrel pro Tag fehlt. Europäische und asiatische Raffinerien konkurrieren demnach aggressiv um die verbleibenden Ladungen. Der sogenannte Dated Brent – der direkter an die sofortige physische Lieferung gebunden ist als Brent-Futures – erreichte am 7. April einen Wert von 144 Dollar pro Barrel und übertraf damit die Höchststände vom Vorabend der Finanzkrise 2008. Gleichzeitig wurde der nahe Brent-Kontrakt für die Lieferung im Juni am selben Tag bei lediglich 109 Dollar gehandelt.
Historisch gesehen liegt der Spread zwischen Dated Brent und dem ICE-Brent-Future-Kontrakt des Frontmonats üblicherweise bei moderaten 1 bis 2 Dollar pro Barrel – ein Zeichen für eine reibungslos funktionierende Arbitrage zwischen physischen und Papiermärkten. Die heute weit größere Lücke signalisiert laut JPMorgan einen Markt, der Schwierigkeiten hat, Barrel für die sofortige Lieferung zu beschaffen, auch wenn er weiterhin davon ausgeht, dass sich das Angebot später normalisieren wird.
Hoffnungen auf Entspannung drücken Futures
Hoffnungen auf eine baldige Wiedereröffnung der Straße von Hormus haben die Öl-Futures zuletzt auf Talfahrt geschickt. Für Raffinerien, die jedoch jetzt Öl benötigen, ändert das wenig: Sie sind bereit, erhebliche Aufschläge zu zahlen, um die Versorgung zu sichern. Dies gilt insbesondere für asiatische Käufer, die strukturell stärker von Öl aus der Golfregion abhängig sind als ihre atlantischen Wettbewerber.
Andere Öl-Benchmarks wie die aus dem Oman notierten zuletzt weit über Brent oder West Texas Intermediate (WTI), den wichtigsten atlantischen und amerikanischen Benchmarks. Zum Vergleich: Als die bekannte Finanzjournalistin Tracy Alloway vor einem Jahrzehnt versuchte, ein Barrel Öl zu kaufen, lag der Einzelhandelspreis bei etwa 47 Dollar.
Ob die Lieferung nach Sri Lanka tatsächlich die teuerste Öllieferung der Geschichte darstellt, bleibt offen. Elhedery selbst kommentierte den Extrempreis mit den Worten: „Ich hoffe, wir sehen nicht mehr davon." Sri Lanka sei kein Land und keine Volkswirtschaft, die sich solche Preise dauerhaft leisten könne – eine Einschätzung, die die wirtschaftliche Sprengkraft solcher Preise für Schwellenländer unterstreicht.
