Rückgang der Gaspreise in Europa: Norwegen-Lieferungen stabilisieren sich, Frostgefahr bleibt
Die europäischen Gaspreise sind am Mittwoch um 1,8 Prozent gefallen, nachdem sich die norwegischen Pipeline-Lieferungen normalisierten, doch drohende Kälteeinbrüche und niedrige Speicherstände von nur 73 Prozent könnten die Preise schnell wieder nach oben

Die europäischen und britischen Erdgas-Futures im Großhandel sind am Mittwoch gefallen und haben damit eine Verschnaufpause von ihren mehrjährigen Bestmarken eingelegt. Ausschlaggebend waren die wieder normalisierten Pipeline-Ströme aus Norwegen sowie eine ausgewogene Nachfrage im Tagesverlauf. Der niederländische Referenzkontrakt für den Vormonat verbilligte sich um 1,8 Prozent auf rund 84,45 Euro pro Megawattstunde (MWh). Am vorherigen Handelstag hatte er noch ein Hoch von 86 Euro pro MWh erreicht.
Auch in Großbritannien gab der entsprechende Erdgas-Großhandelskontrakt um 1,8 Prozent nach und notierte nahe 211,00 Pence pro Therm. Für die Akteure am Markt brachte der Rückgang eine temporäre Erleichterung, nachdem Versorgungsengpässe am Dienstag noch für einen kräftigen Preisanstieg gesorgt hatten. Die Spot-Handelsabteilungen verzeichneten bei unveränderter Stromnachfrage und stabiler industrieller Abnahme einen deutlich geringeren Kaufdruck.
Trotz des Preisrückgangs im Tagesverlauf betonen die Energieabteilungen, dass die fundamentale Gesamtlage mit Blick auf den bevorstehenden Winter weiterhin strukturell angespannt bleibt. Gestützt wird diese Einschätzung vor allem durch die niedrigen Füllstände der europäischen Gasspeicher sowie die prognostizierte Wetterentwicklung.
Die Hintergründe im Detail
Den Ausschlag für die Entspannung an den Gasmärkten gab die Normalisierung der Durchflussraten aus wichtigen norwegischen Offshore-Feldern. Der Netzbetreiber Gassco hatte kurzfristige Betriebsstörungen beseitigt, sodass sich die stabilen Pipeline-Volumina zu den westeuropäischen Importterminals wieder einstellten. Norwegen fungiert als zentraler Lieferant für Kontinentaleuropa, weshalb Beeinträchtigungen in diesem System unmittelbare Preisausschläge nach sich ziehen.
Der niederländische TTF-Kontrakt für den Vormonat lag bei etwa 84,45 Euro pro MWh, nachdem er sich von seinem 86-Euro-Hoch des Vortages entfernt hatte. Der britische NBP-Kontrakt bewegte sich bei rund 211,00 Pence pro Therm. Beide Terminkontrakte gaben jeweils um 1,8 Prozent nach.
Auf der Nachfrageseite blieb die Stromnachfrage stabil, die industrielle Abnahme änderte sich nicht. Im Unterschied zum Dienstag, als Versorgungsengpässe den Markt antrieben, war der Kaufdruck an den Spot-Handelsabteilungen deutlich geringer. Die Preisbewegung war somit vor allem auf die verbesserte Angebotsseite zurückzuführen, nicht auf einen Nachfrageeinbruch.
Die Vorgeschichte
Die aktuelle Entwicklung fügt sich in eine von starken Schwankungen geprägte Phase ein, die mehrfach dokumentiert wurde. Bereits am 13.08.2026 wurde berichtet, dass die europäischen Erdgaspreise nach mehrwöchigen Höchstständen nachgaben, wobei Gewinnmitnahmen dominierten. Damals fiel der niederländische Benchmark-Future für den Folgemonat um 3,1 Prozent auf etwa 59,18 Euro pro MWh, während die britischen Großhandelspreise parallel um 2,74 Prozent auf rund 145,69 Pence pro Therm zurückgingen.
Am 17.09.2026 hieß es, dass die europäischen Erdgas-Großhandelspreise zum dritten Mal in Folge gesunken waren und ein Ein-Wochen-Tief erreicht hatten. Grund war damals das Ende eines eintägigen Arbeitskampfes im französischen Energiesektor, der die Durchsatzkapazität eines bedeutenden LNG-Importterminals vorübergehend eingeschränkt hatte. Der TTF-Kontrakt fiel um 1,23 Prozent auf rund 76,98 Euro pro MWh, der britische NBP-Kontrakt sank ebenfalls um 1,23 Prozent auf rund 191,00 Pence pro Therm.
Bereits einen Tag später, am 18.09.2026, wurde gemeldet, dass die europäischen und britischen Großhandels-Futures für Erdgas moderat anzogen, aber auf dem Weg blieben, ihre fünfwöchige Gewinnserie zu beenden. Der niederländische Front-Month-TTF-Kontrakt legte im Handelsverlauf um zwei Prozent auf rund 78,50 Euro pro MWh zu, stand jedoch für einen bescheidenen wöchentlichen Rückgang von 1,8 Prozent in Aussicht.
Zuletzt wurde am 07.10.2026 berichtet, dass die europäischen und britischen Erdgaspreise im Großhandel weitgehend ruhig blieben und leicht gewannen. Aktualisierte Wettermodelle mit kühleren Temperaturprognosen für Nordwesteuropa wirkten damals den anhaltenden Zuwächsen bei den kontinentalen Speicherreserven entgegen. Der führende niederländische Front-Month-Kontrakt stieg um 1,5 Prozent auf 76,80 Euro pro MWh, der britische Erdgas-Großhandelskontrakt legte um 0,5 Prozent auf 189,03 Pence pro Therm zu.
Relevanz für Anleger
Für private Anleger in Deutschland stellt die aktuelle Preiskorrektur lediglich eine Momentaufnahme in einem angespannten Marktumfeld dar. Die unterirdischen Speicher der Europäischen Union liegen bei nur 73 Prozent Füllstand und damit auf einem Niveau, das weit unter den historischen saisonalen Durchschnittswerten für Mitte Oktober rangiert. Die Lagerbestände gehen somit von einem reduzierten Ausgangspunkt in die Heizsaison.
Hinzu kommen anhaltende Transitprobleme im Nahen Osten, welche die globalen LNG-Schiffswege weiterhin behindern. Beide Faktoren zusammen bedeuten, dass das flexibel verfügbare Gasangebot eingeschränkt bleibt. Anleger mit Engagements in Energieunternehmen, Versorgern oder Rohstoff-ETFs sollten die Speicherstände und Wettervorhersagen daher genau im Auge behalten, da beide Größen die Preise kurzfristig stark beeinflussen können.
Was die kommenden Tage bringen
Der entscheidende Faktor für die nächsten Tage ist die Witterung. Aktuelle Wetterprognosen deuten auf einen deutlichen Kälteeinbruch hin, der voraussichtlich ab dem kommenden Wochenende über Nordosteuropa hinwegziehen wird. Dies könnte einen starken Anstieg der Nachfrage nach Raumwärme und Stromerzeugung nach sich ziehen.
Händler warnen, dass eine längere Frostperiode im späten Oktober die Entnahmeraten aus den Lagerbeständen drastisch beschleunigen und eine neue Aufwärtsbewegung der europäischen Gaspreise auslösen könnte. Ob die aktuelle Entspannung von Dauer ist, hängt somit entscheidend davon ab, wie stark die Temperaturen fallen und wie verlässlich die norwegischen Lieferungen bleiben.
Kurz erklärt
- TTF: Der niederländische Handels
