Rohölpreis testet 100-Dollar-Marke – Märkte unter Druck
Eskalation im Golf treibt den Ölpreis auf kritisches Niveau, während IEA-Rekordfreigabe wirkungslos verpufft.

Der Rohölpreis hat die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar pro Barrel kurzzeitig überschritten. Nach einem Anstieg von fast 5 Prozent am Mittwoch kletterte der Preis über Nacht erstmals seit Langem wieder über diese Schwelle. Anhaltende Angriffe auf Schiffe im Persischen Golf befeuern die Rallye.
Die Internationale Energieagentur (IEA) reagierte mit einer Rekordfreigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven – mehr als doppelt so viel wie nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022. Die Märkte quittierten die Maßnahme jedoch mit einem Achselzucken. Die freigegebene Menge würde den weltweiten Bedarf lediglich für zwei bis vier Wochen decken.
Der Iran warnte unterdessen offen, der Konflikt könne den Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel treiben. Die Islamische Republik zeigt keine Bereitschaft, die Schifffahrtsrouten im Golf zu öffnen, solange der Krieg andauert. Die Ölmarkt-Volatilität erreichte laut einem Indikator ein Niveau, das zuletzt 2020 verzeichnet wurde.
Zentralbanken unter Zugzwang
Die Finanzmärkte richten ihren Blick bereits auf die Inflationsfolgen des Ölschocks. Eine zweite US-Zinssenkung ist aus der Fed-Futures-Kurve nahezu verschwunden, für 2026 preisen die Märkte kaum noch eine Senkung ein. Die jüngsten US-Verbraucherpreisdaten für Februar entsprachen zwar den Erwartungen – stammen aber noch aus der Zeit vor dem aktuellen Preisschock.
In der kommenden Woche stehen mehrere wichtige Zentralbankentscheidungen an. Die Reserve Bank of Australia dürfte die Zinsen erneut anheben, und die Märkte haben eine EZB-Zinserhöhung bis Juli bereits vollständig eingepreist. In Großbritannien steigen die Hypothekenzinsen wieder. Keine Zentralbank scheint in diesem Umfeld zu einer Zinssenkung bereit.
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichten vor diesem Hintergrund den höchsten Stand seit fast sechs Monaten. Schwache Anleiheauktionen belasteten das Vertrauen zusätzlich. Der US-Dollar festigte sich nahe seinem Jahreshöchststand, was wiederum den Goldpreis unter Druck setzte.
Aktienmärkte weltweit im Minus
Die globalen Aktienmärkte reagierten mit Verlusten auf den Ölpreissprung. Die wichtigsten US-Indizes schlossen am Mittwoch unverändert bis leicht im Minus, asiatische Indizes gaben am Donnerstag einen Teil ihrer jüngsten Gewinne ab. Europäische und US-amerikanische Aktien-Futures notierten vor Börsenbeginn ebenfalls im Minus.
Die IEA hat seit ihrer Gründung Mitte der 1970er Jahre – als Reaktion auf das OPEC-Ölembargo von 1973 – erst viermal koordinierte Notfallfreigaben von Reserven durchgeführt. Die Seltenheit dieser Maßnahme unterstreicht die Schwere der aktuellen Lage. Sollte der Konflikt den Golf über die Reichweite der Reserven hinaus blockieren, droht eine weitere Verschärfung der Marktsituation.
