BofA warnt: LNG-Knappheit bedroht asiatische Tech-Lieferketten
Bank of America sieht erhebliche Risiken für Asiens Energieversorgung – mit weitreichenden Folgen für globale Technologie- und Fertigungsketten.

Analysten der Bank of America (BofA) schlagen Alarm: Asien ist erheblichen Risiken eines Mangels an verflüssigtem Erdgas (LNG) ausgesetzt. Sollten Störungen in der Straße von Hormus und mögliche Produktionsstopps in Katar länger andauern, könnten globale Lieferketten in der Technologie- und Fertigungsindustrie empfindlich getroffen werden.
Etwa 85 Prozent des durch die Straße von Hormus transportierten LNG ist für asiatische Märkte bestimmt. Alternative Transportrouten stehen kaum zur Verfügung. Erschwerend kommt hinzu, dass LNG – anders als Rohöl – schwer zu lagern ist: Die meisten Bestände decken lediglich den Bedarf weniger Wochen ab.
Steigende LNG-Spotpreise und höhere Frachtkosten signalisieren laut dem BofA-Rohstoffteam bereits den Ernst der Lage. Sollten die Vorräte erschöpft sein, könnte sich die Situation rasch zuspitzen.
Taiwan, Japan und Korea besonders gefährdet
Unter den asiatischen Volkswirtschaften tragen Taiwan, Japan und Südkorea das höchste Risiko. Diese Länder verfügen über kaum eigene Erdgasreserven, sind stark von LNG für ihre Stromerzeugung abhängig und halten Reserven vor, die nur wenige Wochen des Inlandsverbrauchs abdecken.
Die BofA betont, dass sich ein asiatischer LNG-Engpass grundlegend von der russisch-ukrainischen Gasunterbrechung 2022 unterscheiden würde. Damals standen geopolitische Faktoren im Vordergrund – diesmal wären es physische Versorgungsengpässe, bei denen regionale Käufer direkt um begrenzte Mengen konkurrieren würden, die normalerweise durch langfristige Verträge gesichert sind.
Industrielle Abnehmer könnten aufgrund regulatorischer Rahmenbedingungen noch vor privaten Haushalten mit Rationierungen konfrontiert werden. Dies würde die globale Produktion – insbesondere in der Halbleiter- und Elektronikindustrie – direkt gefährden.
Kurzfristige Maßnahmen und langfristige Strategien
Als kurzfristige Gegenmaßnahmen nennt die BofA aggressive Gebote auf dem Spotmarkt, den Wechsel zu alternativen Brennstoffen sowie die Reaktivierung von Kohle- und Kernkraftwerken, wo politisch möglich. Effizienzprogramme und Maßnahmen zur Nachfragesenkung könnten bei starker Einschränkung der LNG-Versorgung ebenfalls greifen.
Langfristig empfehlen die Analysten den Ausbau von Speicherkapazitäten, eine stärkere Diversifizierung der Lieferverträge weg von Nahost-Quellen sowie verstärkte Investitionen in erneuerbare Energien und Kernkraft. Asiens LNG-Abhängigkeit ist seit 2022 ohnehin gestiegen – bedingt durch Stilllegungen von Kern- und Kohlekraftwerken sowie die zunehmende Elektrifizierung der Wirtschaft.
Für die Geldpolitik sieht die BofA ebenfalls Risiken: Sollten Ölpreise über mehrere Quartale hinweg über 100 Dollar je Barrel verharren und die Preissteigerungen langfristige Gasverträge erfassen, könnte die Inflation in vielen asiatischen Volkswirtschaften die Zentralbankziele überschreiten. Die Folge: Zinserhöhungen könnten wieder auf die Agenda rücken. Das Basisszenario der Bank geht jedoch davon aus, dass die Spannungen im Nahen Osten von kurzer Dauer bleiben.
