Österreichs Gasvorsprung: Pro-Kopf-Speicherkapazität übertrifft Deutschland deutlich
Österreich verfügt pro Kopf über ein Vielfaches der Gasspeicherkapazität Deutschlands, deckt volle Speicher 125 Prozent des Jahresverbrauchs. Geologische Vorteile, eine frühzeitige strategische Reserve und die Abkehr von russischem Gas machen das Alpenlan

In Niedersachsen liegt mit Rehden der größte Gasspeicher Mittel- und Westeuropas – auf deutschem Boden. Österreich hingegen beheimatet mit Haidach bei Salzburg das zweitgrößte Untertage-Reservoir der Region. Auf den ersten Blick sprechen die nackten Zahlen für sich: Die Bundesrepublik kommt auf eine Speicherkapazität von 250 Terawattstunden (TWh), das Alpenland auf 100 TWh. Entscheidend ist jedoch die Bevölkerungsgröße. Da Deutschland neunmal so viele Menschen zählt wie Österreich, ergibt sich bei der Betrachtung pro Kopf ein gänzlich anderes Bild.
Sind Österreichs Speicher voll, decken sie 125 Prozent des jährlichen Inlandsverbrauchs. In Deutschland sind es lediglich rund 30 Prozent. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl steht die Alpenrepublik also erheblich besser da.
Geologische Voraussetzungen und historische Entscheidungen
Dass Österreich im Verhältnis zu seiner Größe derart gewaltige Speicherkapazitäten vorweisen kann, hat nachvollziehbare geologische Ursachen. Christoph Dolna-Gruber von der österreichischen Energieagentur in Wien führt aus: "Im Wiener Becken und im oberösterreichischen Molassegebiet wurde Gas gefördert und die ausgeförderten Erdgas-Lagerstätten sind dann in Untertagespeicher umgewandelt worden." Mit dieser Umwandlung begann Österreich bereits in den 1970er-Jahren – ein strategischer Vorsprung von mehreren Jahrzehnten.
Die Kapazitäten sind die eine Seite. Die Füllstände wiederum waren in den letzten Jahren immer wieder Anlass für angeregte Debatten. Im September verzeichnete Deutschland einen historischen Tiefstand von etwa 55 Prozent. Österreich lag mit 67 Prozent zwar ebenfalls niedrig, aber deutlich oberhalb des deutschen Werts.
Staatliche Gasreserve als Sicherheitspuffer
Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Nationen ist die strategische Gasreserve Österreichs. Die Wiener Regierung hat hier frühzeitig Maßnahmen ergriffen. "Heute sind das 20 Terawattstunden Gas im Eigentum der Republik Österreich, das sind zwei durchschnittliche Wintermonate", so Dolna-Gruber. Der Erwerb dieser 20 TWh belief sich auf insgesamt 3,7 Milliarden Euro.
Diese staatliche Reserve, rund ein Fünftel der gesamten Speicherkapazität, ist ausschließlich für Krisenfälle vorgesehen. Sie soll zunächst bis zum Jahr 2029 gehalten und anschließend wieder veräußert werden. "Die strategische Gasreserve wurde 2022 in Reaktion auf die Gaskrise und die einseitigen Lieferreduktionen Gazproms nach Österreich angelegt, um ein Versorgungssicherheitspolster zu schaffen", erläutert der Fachmann.
Vom Gazprom-Abhängigen zum eigenständigen Gasversorger
Bis Ende 2024 war Österreich in hohem Maße von russischem Gas abhängig. "Österreich war das erste westliche Land, das russisches Gas bezogen hat, und das hat sich dann sukzessive gesteigert über die Jahrzehnte", berichtet Dolna-Gruber. Zuletzt kamen bis zu 90 Prozent der Gasimporte aus Russland.
Die Vereinbarungen zwischen dem österreichischen Energiekonzern OMV und der russischen Gazprom enthielten Mindestabnahme-Klauseln und extrem lange Laufzeiten. 2018 wurden sie von Wladimir Putin und dem damaligen österreichischen Kanzler Sebastian Kurz vorzeitig bis ins Jahr 2040 verlängert – ein Geschäft, das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine auf massive Kritik stieß.
Nach mehreren Gaslieferungsstopps Russlands während des Krieges konnte die OMV den Vertrag mit Gazprom im Dezember 2024 schließlich kündigen. Heute bezieht Österreich den Großteil seines Gases aus Norwegen sowie von LNG-Terminals in Italien, Deutschland und den Niederlanden. Die Abkehr von russischem Gas ist damit vollzogen – und die strategische Reserve bietet zusätzliche Sicherheit für die kommenden Winter.
