Jesuiten in Großbritannien drohen Rio Tinto mit Desinvestition wegen Umweltskandal
Der katholische Orden erwägt den Verkauf seiner Anteile nach jahrelangem erfolglosem Dialog über Wasserverschmutzung in Madagaskar und Guinea.

Die Jesuiten in Großbritannien setzen den Bergbaukonzern Rio Tinto unter Druck: Der katholische Orden erwägt den Verkauf seiner Beteiligung an dem Unternehmen. Hintergrund ist ein seit Jahren andauernder, bislang erfolgloser Dialog über gravierende Umweltbedenken. Stephen Power SJ, der die ethischen Investments des Ordens beaufsichtigt, machte die Überlegungen auf der Jahreshauptversammlung von Rio Tinto öffentlich.
„Wir stehen seit drei, möglicherweise vier Jahren mit Rio im Austausch und nehmen an den Hauptversammlungen teil", erklärte Power. Trotz dieser langen Gesprächsphase sieht der Orden keine ausreichenden Fortschritte. Die Drohung mit einem Ausstieg ist damit ein klares Signal: Religiöse Investoren verlieren die Geduld mit dem Bergbauriesen.
Wasserverschmutzung in Madagaskar im Fokus
Besonders besorgniserregend ist für die Jesuiten die Situation rund um die Rio-Tinto-Mine im Süden Madagaskars. Power kritisierte, dass wichtige Wasserberichte verspätet eingetroffen seien, nicht die erforderliche Detailtiefe aufgewiesen hätten oder gar nicht erst erstellt worden seien. Umweltgruppen warnen seit Jahren, dass das Wasser flussabwärts der Mine hohe Konzentrationen von Uran und Blei aufweise.
Die gesundheitlichen Risiken für die lokale Bevölkerung sind erheblich: Bleibelastung kann die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern beeinträchtigen, während Uran das Risiko von Nierenschäden birgt. Besonders kritisch ist die Lage für Anwohner, die auf nahegelegene Quellen als Trinkwasser angewiesen sind. Für eine Region mit begrenztem Zugang zu sauberem Wasser sind solche Kontaminationen potenziell lebensbedrohlich.
Rio-Tinto-Verwaltungsratsvorsitzender Dominic Barton wies die Vorwürfe auf der Hauptversammlung zurück. Das Unternehmen habe „viel Zeit" auf die Wasserqualität und -ströme verwendet, so Barton. Externe Bewertungen zeigten zudem, dass „regulierte Metalle konsistent unter den Labornachweisgrenzen" lägen. Damit stehen sich die Einschätzungen des Unternehmens und die Beobachtungen von Umweltgruppen sowie dem Jesuitenorden diametral gegenüber.
Simandou-Projekt und Scope-3-Emissionen ebenfalls im Visier
Die Kritik der Jesuiten beschränkt sich nicht allein auf Madagaskar. Der Orden äußert auch Bedenken gegenüber dem Simandou-Eisenerzprojekt von Rio Tinto in Guinea, einem der größten Eisenerzprojekte der Welt. Darüber hinaus stehen die sogenannten Scope-3-Emissionen des Unternehmens in der Kritik – also indirekte Treibhausgasemissionen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen und bei Bergbaukonzernen einen erheblichen Anteil der Gesamtemissionen ausmachen.
Der Fall der Jesuiten steht exemplarisch für einen breiteren Trend: Religiöse und ethisch orientierte Investoren erhöhen weltweit den Druck auf Rohstoffkonzerne. Sie fordern nicht nur transparentere Berichterstattung über Umweltauswirkungen, sondern auch einen stärkeren Schutz lokaler Gemeinschaften in den Abbauregionen. Für börsennotierte Bergbauunternehmen wie Rio Tinto wird das Thema ESG – also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – damit zunehmend zu einem handfesten Investorenrisiko.
Ob die Jesuiten ihre Beteiligung tatsächlich veräußern werden, ist derzeit noch offen. Klar ist jedoch: Der öffentliche Druck auf Rio Tinto wächst, und der Auftritt von Stephen Power SJ auf der Hauptversammlung dürfte nicht der letzte seiner Art gewesen sein.
