Dammbruch in Westafrika: Bergbaukonzerne verschärfen Regeln für Tailings-Lager
Nach einem Dammbruch in Westafrika verschärfen Bergbauunternehmen und Aufsichtsbehörden weltweit die Kontrollen für Tailings-Anlagen, wobei der GISTM-Standard als neuer Maßstab dient, dessen Umsetzung jedoch vor allem bei kleineren Betreibern schleppend v

Nach einem strukturellen Versagen einer Tailings-Anlage in Westafrika geraten Bergbauunternehmen weltweit unter Druck. Der Vorfall hat die Debatte über geotechnische Risiken neu entfacht und führt zu verschärften Kontrollen durch Aufsichtsbehörden, Investoren und Kreditgeber. Betreiber, Regierungen und multilaterale Geldgeber überarbeiten derzeit die Klassifizierung solcher Anlagen, die Inspektionsvorschriften sowie die Offenlegungspflichten.
In Westafrika sind zahlreiche Gold- und Basismetallminen in Betrieb
Die Region Westafrika weist eine hohe Dichte an aktiven Gold- und Basismetallminen auf. Viele dieser Betriebe nutzen Tailings-Lagerstätten, die über Jahrzehnte hinweg unter sehr unterschiedlichen regulatorischen Bedingungen errichtet wurden. Wenn eine Anlage in einem Gebiet mit noch unzureichender Aufsichtskapazität versagt, sind die ökologischen, sozialen und reputationsbezogenen Folgen weitaus größer als der unmittelbare Schaden für den Betreiber.
Tailings-Anlagen zählen zu den risikoreichsten Bauwerken im Bergbau
Im Bergbau gehören Tailings-Lagerstätten zu den Infrastruktureinrichtungen mit den schwerwiegendsten potenziellen Folgen. Sie enthalten feinkörniges, chemisch reaktives Abfallmaterial, das nach der Erzverarbeitung zurückbleibt. Die strukturelle Stabilität hängt maßgeblich vom kontinuierlichen Management des Wassergehalts, der Dammstabilität und der seismischen Belastung ab. Diese Faktoren unterliegen saisonalen Schwankungen und verändern sich über die gesamte Lebensdauer einer Mine hinweg.
Branchenanalysen zeigen wiederkehrende Ursachen für Dammbrüche
Untersuchungen der Industrie nach Zwischenfällen haben bei Tailings-Versagen wiederholt mehrere zusammenwirkende Faktoren identifiziert:
- Aufwärtsbauweisen, bei denen die Dammhöhe durch bereits abgelagertes Tailings erhöht wird, das unter Spannung verflüssigen kann
- Mangelhaftes Wassermanagement, das zu erhöhten Grundwasserständen und verminderten inneren Reibungswinkeln führt
- Fehlende geotechnische Überwachung oder unterlassene Maßnahmen trotz vorhandener Frühwarnsysteme
- Governance-Defizite wie unklare Zuständigkeiten zwischen Betreibern, verantwortlichen Ingenieuren und Behörden
- Aufgeschobene Instandhaltung bei Anlagen im Care-and-Maintenance-Modus oder bei stillgelegten Anlagen ohne aktive Überwachung
Die Aufwärtsbauweise steht besonders im Fokus beschleunigter weltweiter Ausstiegsbemühungen, nachdem es in Brasilien und anderen Ländern zu spektakulären Versagen gekommen war. Die Umstellung auf alternative Methoden verläuft jedoch uneinheitlich, vor allem in Rechtsordnungen, in denen die Regulierung nicht mit den internationalen Best Practices Schritt gehalten hat.
Klimawandel und Hydrologie erhöhen das geotechnische Risiko
Veränderte Niederschlagsmuster verschärfen die geotechnischen Risiken für Anlagen, die auf Basis historischer Durchschnittswerte ausgelegt wurden. Intensive Starkregen können die Entwässerungssysteme überlasten und den Porendruck in den Dämmen schneller ansteigen lassen, als die Überwachungssysteme reagieren können. Die Hydrologie Westafrikas ist zwischen Regen- und Trockenzeiten besonders starken Schwankungen unterworfen, was alternde Dämme auf eine Weise belasten kann, die in den ursprünglichen Planungen nicht vorgesehen war.
Der GISTM hat neue Maßstäbe für das Tailings-Management gesetzt
Der Global Industry Standard on Tailings Management (GISTM), der nach der Katastrophe von Brumadinho entwickelt wurde, hat einen Rahmen für verpflichtende jährliche Prüfungen, unabhängige Bewertungen durch qualifizierte Fachleute und öffentliche Offenlegungspflichten geschaffen. Der Standard beruht auf dem Prinzip des „verantwortungsvollen Tailings-Managements“ und legt klare Verantwortlichkeiten auf Betreiber- und Vorstandsebene fest, anstatt die Sicherheit allein den Ingenieuren vor Ort zu überlassen.
Die Umsetzung des GISTM hat bei großen diversifizierten Bergbaukonzernen und in der Investorengemeinschaft Fortschritte gemacht. Kreditgeber, die den Equator Principles folgen, sowie institutionelle Anleger mit ESG-Vorgaben verlangen zunehmend die Einhaltung des Standards als Finanzierungsvoraussetzung. Kleinere Betreiber, private Unternehmen und Firmen in Rechtsordnungen mit schwacher Regulierungskapazität haben den Standard jedoch langsamer übernommen – und genau in diesem Segment bestehen bei Altanlagen oft die höchsten nicht kategorisierten Risiken.
Inkonsistente Klassifizierung und mangelnde Transparenz bleiben problematisch
Eines der drängendsten Probleme, das der Vorfall in Westafrika aufwirft, ist die uneinheitliche Klassifizierung von Anlagen nach den Folgen eines möglichen Versagens. Der GISTM und frühere Rahmenwerke verwenden Konsequenzkategorien – von niedrig bis katastrophal –, um das erforderliche Niveau der technischen Überwachung und Notfallvorsorge zu bestimmen. Anlagen in Rechtsordnungen ohne verpflichtende Klassifizierungssysteme könnten nach niedrigeren Standards betrieben werden, als es ihre tatsächliche Gefährdung für nachgelagerte Gebiete rechtfertigt.
Investoren und Analysten fordern zunehmend von Unternehmen die vollständige Offenlegung aller Anlagenverzeichnisse, einschließlich der Konsequenzklassifizierungen und der jeweiligen Bauweise. Dieses Maß an Transparenz bleibt im Junior- und Mid-Tier-Bergbausektor jedoch weiterhin die Ausnahme.
Regulierungsbehörden und Investoren reagieren mit strengeren Auflagen
Im Anschluss an das Versagen in Westafrika haben regionale Bergbauministerien beschleunigt verpflichtende Audits aktiver Anlagen angeordnet. Der Fokus liegt besonders auf Betrieben, die Aufwärtsbauweisen nutzen oder deren Lagerkapazität die ursprünglich genehmigten Grenzen erreicht oder überschritten hat. Internationale Finanzinstitutionen mit Engagement in der Region verschärfen ebenfalls ihre Anforderungen.
