Ölschock-Risiko: Anleger haben kaum noch Zeit zur Absicherung
Physische Ölpreise liegen 70% über dem Februar-Niveau – doch viele Anleger sind auf einen echten Ölschock noch nicht vorbereitet.

Der KI-Boom treibt die Aktienmärkte auf Rekordhöhen, und viele Investoren setzen darauf, dass der aktuelle Konflikt rund um die Straße von Hormus nur von kurzer Dauer sein wird. Doch Experten warnen: Das Zeitfenster, um sich gegen einen echten Ölschock abzusichern, schließt sich zusehends. Der S&P 500 erreichte zuletzt neue Rekordstände, während die eigentlichen Risiken im physischen Ölmarkt schlummern.
Der entscheidende Unterschied liegt zwischen dem physischen Ölmarkt und dem Terminmarkt. Während Brent-Rohöl-Futures bei rund 110 US-Dollar pro Barrel notieren – etwa 50% über dem Niveau von Ende Februar – liegen die Preise im physischen Markt, wo tatsächliche Fässer Rohöl den Besitzer wechseln, bei rund 130 US-Dollar pro Barrel. Das entspricht einem Anstieg von etwa 70% gegenüber Februar. Brent zur Lieferung in zwölf Monaten notiert über 80 US-Dollar pro Barrel, rund 20% über dem Vor-Kriegs-Niveau.
„Die physischen Märkte spiegeln die Realität vor Ort wider, während der Terminmarkt eher Wahrnehmungen und Hoffnungen widerspiegelt", erklärt Tamas Varga, Analyst beim Energiemakler PVM Oil Associates. „Man könnte sagen, dass die physischen Märkte das wahre Abbild dessen sind, was tatsächlich rund um die Straße von Hormus geschieht."
Straße von Hormus: Schlüsselroute faktisch geschlossen
Die Straße von Hormus, durch die rund 20% des weltweiten Energieangebots fließen, ist durch den Krieg faktisch blockiert. Vitol, der weltweit größte Ölhändler, schätzt, dass bis zur Erholung des Marktes bis zu 1 Billion Barrel an Angebot verloren gehen könnten. Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA), erklärte im April, dass die Ölpreise die aktuelle Lage nicht widerspiegelten und sich die Welt auf deutlich höhere Preise einstellen müsse.
Ölhändler unterziehen ihre Bücher bereits Stresstests für extreme Szenarien. Jeff Webster, Führungskraft beim globalen Rohstoffhandelshaus Gunvor Group, erklärte Anfang April auf dem FT Global Commodities Summit, dass Rohölpreise von 200 bis 300 US-Dollar pro Barrel in solchen Szenarien durchgespielt werden.
Stagflationsrisiko rückt in den Fokus
Laut Frederique Carrier, Leiterin der Anlagestrategie bei RBC Wealth Management, besagt eine Faustregel des Chefökonomen ihres Hauses, dass ein Ölschock zwischen drei und sechs Monaten andauern muss, um eine nachhaltige Auswirkung auf die Inflation zu haben. „Und wir sind noch nicht ganz in diesem Zeitfenster – aber wir werden es bald sein", warnte sie. Ihr Unternehmen ist bei Aktien neutral positioniert, bevorzugt aber rohstoffnahe Werte wie Schifffahrt und Lagerhaltung.
Andrew Chorlton, CIO für Public Fixed Income bei M&G, sieht die Gelassenheit vieler Marktteilnehmer kritisch. „Die Vorstellung, dass es definitiv zu einer Stagflation kommen wird oder dass alles gut wird – das ist der Punkt, den wir ein wenig überraschend finden. Das erscheint ein wenig zu sorglos", sagte er. Stagflation bezeichnet die toxische Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wirtschaftswachstum – ein Szenario, das Zentralbanken vor besonders schwierige Entscheidungen stellt.
Die Inflationserwartungen ziehen derweil spürbar an. Marktbasierte Indikatoren wie Inflationsswaps zeigen, dass Anleger die US-Inflation in einem Jahr bei etwa 3,53% und in fünf Jahren bei rund 2,75% sehen – beides über dem Ziel der US-Notenbank Federal Reserve von 2%. Im Februar, vor Ausbruch des Krieges, lagen diese Werte noch näher bei 2,4%. Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Eurozone und im Vereinigten Königreich.
Anlagestrategien zur Absicherung
Laura Cooper, globale Anlagestrategin bei Nuveen, erläutert den Ansatz ihres Hauses: Man halte aufgrund der Rentabilität weiterhin an KI-Technologie-Positionen fest, steuere jedoch mit „Dividendenwachstumswerten", Infrastruktur und Sachwerten wie Immobilien und Goldminenbetreibern dagegen, um sich gegen Risiken abzusichern.
Ungeachtet der aktuellen Unsicherheiten gilt historisch: Unabhängig vom Ausmaß einer Störung preisen die Märkte die damit verbundenen Risiken letztlich neu ein, Lieferketten passen sich an, die Volatilität lässt nach und Anleger richten ihren Fokus wieder auf die großen, langfristigen Trends. Doch bis dahin könnte für unvorbereitete Investoren wertvolle Zeit verloren gehen.
