Indiens Goldhunger ungebrochen: Titan glänzt mit Gewinnplus von 63 Prozent
Trotz drastischer Maßnahmen der indischen Regierung kauft die Bevölkerung weiter Rekordmengen Gold. Der Schmuckriese Titan verzeichnet einen Gewinnsprung von 63 Prozent, während die kulturelle Bindung an das Edelmetall stärker wiegt als politische Appelle
Die Bemühungen der indischen Führung um Narendra Modi, den Golderwerb im Land zu bremsen, zeigen kaum Wirkung – die Bevölkerung lässt sich nicht beeindrucken. Titan, der führende Schmuckanbieter des Landes und Teil des Tata-Konzerns, vermeldete für das abgelaufene Quartal einen Gewinnanstieg von 63 Prozent. Auch die Besucherzahlen in den rund 3.700 Verkaufsstellen stiegen merklich.
Der Schmucksektor trägt den weit überwiegenden Teil zum Umsatz der Handelskette bei. Das Wachstum stellte sich ein, obwohl Modi im Mai dazu aufrief, vorübergehend auf Goldkäufe zu verzichten, und die Einfuhrzölle auf 15 Prozent mehr als verdoppelt wurden. Auslöser ist die Krise im Iran, die Indiens Abhängigkeit von Energieeinfuhren aus der Golfregion schonungslos offenbarte und sowohl die Rupie als auch die Währungsreserven unter Druck setzte.
Tradition wiegt schwerer als politische Aufrufe
Erst zu Wochenbeginn erneuerte Modi seine Bitte und forderte die Inder auf, auf Golderwerb zu verzichten, „wenn es nicht absolut notwendig ist“. Ajoy Chawla, Vorstandsvorsitzender von Titan, ließ sich davon unbeeindruckt zeigen. Die Effekte der Maßnahmen seien „nicht nachhaltig“, da die Nachfrage vor allem durch die Preiserwartungen der Kunden bestimmt werde.
„Die Verbundenheit mit dem Produkt und mit Gold ist tief verwurzelt und verschwindet nicht“, erklärte Chawla gegenüber der Financial Times. „Gold wird als Wertaufbewahrungsmittel betrachtet. Selbst jemand, der niemals vorhat, seinen Schmuck zu veräußern, sieht darin ein Portfolio.“
Indien stellt rund ein Drittel der weltweiten Goldschmuck-Nachfrage. Nach Angaben des World Gold Council stiegen die Verkaufszahlen im Juni-Quartal im Vergleich zum Vorjahr um etwa ein Drittel auf 21 Milliarden US-Dollar. Modis ungewöhnlicher Appell an die Bevölkerung, „ein Jahr lang bei keiner Feierlichkeit Goldschmuck zu erwerben“, scheint ungehört zu verhallen.
Gold als bevorzugte Anlageform
Der World Gold Council berichtete im Juli, dass große börsennotierte indische Schmuckhändler starke Quartalsergebnisse vorgelegt hätten. Das Umsatzplus lag im Jahresvergleich zwischen 30 und 60 Prozent, angetrieben durch religiöse Feiertage und die Hochzeitssaison im Sommer.
Obwohl immer mehr indische Mittelschichtsfamilien in Aktien und Fonds investieren, bleibt Gold ein hoch geschätztes Anlagevehikel. Ashok Sonthalia, Finanzchef von Titan, betonte: „Selbst wenn ich ein sehr finanzbewusster Mensch wäre, würde ich dennoch in Gold investieren.“
Titan-Aktie läuft gegen den Markt
Mit einem Marktanteil von nahezu einem Zehntel am riesigen und stark zersplitterten indischen Schmuckmarkt hat die Titan-Aktie in diesem Jahr um fast ein Viertel zugelegt. Zum Vergleich: Der Blue-Chip-Index Nifty 50, der den Einzelhändler enthält, gab im selben Zeitraum um fast 9 Prozent nach.
Die Analysten von Nomura sehen Titan „in einer starken Ausgangslage“, da die Verbrauchernachfrage nach einer Unterbrechung im Vorjahr zurückgekehrt sei. Das Unternehmen wurde in den 1980er Jahren von Xerxes Desai gegründet, einem Tata-Manager, der dem damaligen Vorsitzenden JRD Tata vorschlug, ein indisches Uhrenunternehmen zu etablieren.
Wachstumspläne in Nahost und Nordamerika
Titan zählt heute zu den weltweit größten Uhrenherstellern gemessen an der Stückzahl und ist in den USA, im Nahen Osten und in Singapur präsent, um die indische Diaspora zu beliefern. Chawla zufolge prüft der Konzern mögliche Übernahmen, um das aufstrebende Mode- und Lifestyle-Segment mit Handtaschen und Parfüms zu erweitern.
Die in Bengaluru ansässige Gruppe hatte im Vorjahr eine Mehrheitsbeteiligung an Damas erworben, einem Schmuckhändler im Nahen Osten mit knapp 150 Filialen. Die Spannungen in der Region ließen das internationale Geschäft von Titan, das rund 5 Prozent der Jahreserlöse ausmacht, im Juni-Quartal einen Verlust von 80 Millionen Rupien (etwa 836.000 US-Dollar) einfahren.
Chawla zeigte sich zuversichtlich, dass dieser Anteil angesichts der Expansion im Nahen Osten und in Nordamerika bis 2030 auf bis zu 10 Prozent steigen könne. Der Konzern plane, im laufenden Geschäftsjahr weitere Standorte in Kanada zu eröffnen. „Wo immer eine nennenswerte indische Diaspora lebt, bleibt diese Chance bestehen“, so Chawla.
