Nahostkonflikt treibt Ölpreis auf höchste Stände seit 2024
Die Schließung der Straße von Hormus erschüttert globale Energiemärkte und versetzt Anleger weltweit in Alarmbereitschaft.

Die militärische Eskalation im Nahen Osten nach US-amerikanischen und israelischen Angriffen auf den Iran hat die globalen Energiemärkte in die schwerste Krise seit Jahren gestürzt. Der Iran stoppte den Tankerverkehr durch die Straße von Hormus – eine Meerenge, durch die täglich rund 20 Prozent der weltweiten Ölnachfrage transportiert wird. Die Folgen sind dramatisch: Brent-Rohöl verteuerte sich in einer einzigen Woche um rund 23 Prozent auf 89,21 US-Dollar je Barrel – der stärkste wöchentliche Anstieg seit Mai 2020.
West Texas Intermediate (WTI) legte sogar knapp 29 Prozent zu und erreichte 86,13 US-Dollar je Barrel. Beide Preise markieren damit die höchsten Niveaus seit dem Jahr 2024. Durch die siebentägige Sperrung der Straße wurden rund 140 Millionen Barrel Öl – etwa 1,4 Tage der weltweiten Nachfrage – vom Markt ferngehalten. Experten warnen, dass die Preise weiter steigen, solange die Straße geschlossen bleibt.
Besonders alarmierend: Katars Energieminister erwartet laut Berichten, dass alle Golfstaaten ihre Exporte innerhalb weniger Wochen einstellen könnten. Das würde den Ölpreis nach Einschätzung von Marktbeobachtern auf bis zu 150 US-Dollar je Barrel treiben. Katar betonte zudem, dass selbst bei einem sofortigen Kriegsende Wochen bis Monate vergehen würden, bevor die Lieferzyklen wieder normal funktionieren.
Reaktionen der USA und Ausnahmegenehmigungen für russisches Öl
Um die Energieversorgung zu stabilisieren, erteilte das US-Finanzministerium am Donnerstag Ausnahmegenehmigungen für den Kauf von sanktioniertem russischen Öl. Davon profitierten zunächst indische Raffinerien, die daraufhin Millionen Barrel russisches Rohöl erwarben. Schätzungen zufolge stehen rund 30 Millionen Barrel russisches Öl auf Schiffen im Indischen Ozean und dem Arabischen Meer bereit. Die Trump-Administration erlaubte zudem der deutschen Rosneft-Niederlassung entsprechende Transaktionen – eine bemerkenswerte Lockerung der Russland-Sanktionen.
US-Präsident Donald Trump selbst zeigte sich wenig besorgt über steigende Benzinpreise für amerikanische Verbraucher und priorisierte die militärische Operation. UBS-Rohstoffanalyst Giovanni Staunovo erklärte, die Märkte hätten auf ein Zurückrudern Trumps gehofft – doch diese Erwartung habe sich bislang nicht erfüllt.
Finanzmärkte unter starkem Druck
Die Unsicherheit schlug auf die globalen Aktienmärkte durch. Globale Aktienfonds verzeichneten den ersten Nettoabfluss seit acht Wochen in Höhe von rund 1,44 Milliarden US-Dollar. US-Aktienfonds waren mit Nettoverkäufen von 21,92 Milliarden US-Dollar am härtesten getroffen. Der MSCI World Index steuerte auf die schlechteste Woche seit April 2025 zu. Anleger flüchteten in Sicherheit: Geldmarktfonds verzeichneten Zuflüsse von 20,22 Milliarden US-Dollar.
Europäische Börsen gaben spürbar nach: Der DAX verlor 0,8 Prozent, der FTSE 100 in London 0,7 Prozent und der CAC 40 in Paris 0,9 Prozent. US-Aktien hielten sich vergleichsweise besser, da die USA als Netto-Ölexporteur als widerstandsfähiger gegenüber Energiepreisschocks gelten. Im Technologiesektor gaben Nvidia und AMD leicht nach, während Marvell Technology nach positiven Umsatzprognosen um 12 Prozent zulegte. Fluggesellschaften litten besonders: Der S&P 500-Index für Passagierfluggesellschaften steuerte auf einen Wochenverlust von 9 Prozent zu.
Anleihemärkte signalisieren steigende Zinsen
Besonders dramatisch entwickelten sich die Anleihemärkte. Die Rendite britischer Zweijahresanleihen stieg um fast 40 Basispunkte – der größte wöchentliche Anstieg seit August 2024. Deutsche Zweijahresrenditen erreichten den höchsten Stand seit einem Jahr und verzeichneten den stärksten Wochenanstieg seit April 2023. US-Treasuries legten bei zweijährigen Laufzeiten um 25 Basispunkte zu – der größte Anstieg seit den Handelsspannungen im April 2025.
Die Entwicklung nährt Spekulationen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts steigender Energiekosten bereits im Mai die Zinsen erhöhen könnte. Laut LSEG-Daten wurden die Erwartungen für eine Zinssenkung der US-Notenbank Federal Reserve von Juli auf Oktober verschoben. Investoren erinnern sich ungern an 2022, als der Ukraine-Krieg ähnliche Energiepreisschocks auslöste und Zentralbanken weltweit zu aggressiven Zinserhöhungen zwang.
Luftverkehr massiv gestört
Auch der globale Flugverkehr leidet massiv unter der Eskalation. Lufthansa, Air France-KLM, British Airways, Cathay Pacific, Delta, Turkish Airlines und viele weitere Carrier haben Flüge in Nahost-Drehkreuze wie Dubai, Doha und Abu Dhabi sowie nach Tel Aviv, Beirut und Amman gestrichen oder stark reduziert. Finnair meidet den Luftraum über Irak, Iran, Syrien und Israel vollständig. Einige Fluggesellschaften wie Norwegian Air planen die Wiederaufnahme von Tel Aviv-Verbindungen erst ab Mitte Juni.
